Natur


Wenn man den Lech heute bei Landsberg oder Augsburg sieht, dann kann man es sich auf den ersten, flüchtigen Blick nicht vorstellen, dass es sich beim Lech um einen von mehreren aus den Alpen kommenden Wasserläufen handelt, die in historischen Zeiten als typische Wildflüsse nach Norden, Richtung Donau strebten. Aber schon der Name Lech, der sich von Licus „der Schnellfließende" ableitet, deutet darauf hin, dass sich hier etwas verändert hat, ebenso wie bei der Isar, deren Name sich vom keltischen „Isaria", die „Reißende" ableitet.
Foto: Wagner
Die Eiszeiten mit ihrem Wechsel von Kälte- und Wärmeperioden haben im Laufe von 2 Millionen Jahren die Grundlage für die Landschaftsform dieser Region geschaffen.

Die Gletscher der Alpen schoben sich dabei mehrmals in das Vorland und lagerten riesige Mengen Gesteinsschutt ab. Die Schmelzwasser wuschen den Schotter aus und verfrachteten ihn ins Vorland. So entstand aus dem Lechgletscher das Lechfeld, also der Bereich des unteren Lechtals zwischen Landsberg und Augsburg.

Es handelte sich bei beiden Flüssen, Lech und Isar, um frei in einem breiten Bett verlaufende Flüsse, die große Hochwasserspitzen (in der Regel im Frühjahr nach der Schneeschmelze) aufwiesen, dadurch mit teilweise mächtigen Geschiebeführungen, ausgelöst durch Verwitterungsschutt und somit mächtige, typische Wildflußlandschaften ausbildeten. Diese unterlagen auf Grund der hohen Fließdynamik starken Veränderungen. Durch die Kraft der großen, schnellfließenden Wassermassen und dem mitgeführten Geschiebe wurden alte Kiesbänke vernichtet und an anderer Stelle wieder abgelagert. Und es zeigte sich nach jedem Hochwasserereignis eine räumlich umgestaltete Auenlandschaft, die aber auf Grund der sich regelmäßig wiederholenden Vorgänge eine hohe Konstanz und Stabilität an charakteristischen Lebensräumen aufwies.
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Vom örtlichen Steilufer aus kann man sehr gut die Gestaltung der Landschaft nach Westen hin überblicken.
So ist der örtliche Steilhang, die Lechleite steinig, ist eiszeitlicher Schotter, der an verschiedenen Stellen zu Nagelfluh verbacken ist. Die Schotterebene nach Westen besteht aus Wurmschotter, ist also aus der Wurmeiszeit, ist jüngeren Datums und an den Terrassen können sie den frühgeschichtlichen Verlauf des Lechs feststellen.

Den Charakter einer Wildflusslandschaft besitzt der Lech nur noch im Tiroler Lechtal, mit natürlicher Auenlandschaft, freier Entfaltung der Flussarme, mit vollständig erhaltenen Terrassenrändern. Dort ist der Lech noch „der größte Grundbesitzer des Tales", wie die Bewohner des Ortes Weißenbach schon immer sagten.

In diesem Abschnitt am oberen Lech bei Forchach ist eigentlich die letzte alpine Wildflusslandschaft in Mitteleuropa erhalten. Mit weitgehend intakten Wasser- und Geschiebehaushalt und ist somit durchaus als international bedeutsam einzustufen, ähnliche, aber kleine Fließstrecken besitzt noch die obere Isar.

Im weiteren Verlauf des Lechs hat sich der Mensch gegen den Fluss gewehrt, d.h. gegen die stets wiederkehrenden Überschwemmungen, hat Längsverbauten eingerichtet, Längsdämme, die den Abfluß beschleunigen, aber gleichzeitig stark vertieften, mit der abzusehenden Gefahr des Durchbruchs der Flusssohle. In der Folge sank in den flußbegleitenden Auen der Grundwasserspiegel und den Flächen drohte eine Wasserverarmung. Man begann als Gegenmaßnahme Stützwehre in den Fluß einzubauen. Zur Reduzierung der Fließgeschwindigkeit wurden letztlich Staustufen gebaut.
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Seit 1943 kam es somit am Lech zum Ausbau von Staustufen und zur Anlage von größeren und kleineren Staubecken, die zur Energiegewinnung verwendet werden. Seitdem sind südlich von Landsberg 14 Staustufen entstanden, darunter im Jahr 1950 der große Forggensee mit ca.16 qkm Fläche. Zwischen Landsberg und Augsburg kamen weitere sechs Staustufen dazu.

So wurde aus einem Wildfluss eine Aneinanderreihung von Stauseen, unterbrochen durch nicht mehr schnelle, ja fast schon träge zu nennende Fließstrecken.

Wenngleich sich also der Charakter des Flusses verändert hat, so nimmt der Lech und die von ihm gebildeten Schotterebenen für den Botaniker eine Sonderstellung ein. So ist z.B. das Lechtal für Professor Andreas Bresinsky „eine der hervorragendsten Naturräume in Europa", obwohl von den naturnahen Flächen nur noch ein vergleichsweise geringer Anteil der ehemals wertwollen Lebensräume erhalten geblieben ist.

Kaum ein Fluss in Deutschland lässt in seinem näheren Einflussbereich eine solche Vielfalt der Pflanzenarten erkennen. Auch die begleitenden Auen an den Ufer- und Terrassenlagen haben größtenteils ihre ursprüngliche Vegetation bewahren können.
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Die Artenvielfalt ergibt sich zum einen daraus, dass der Lech ein Pflanzenwanderweg ist, denn durch die Schmelzwasser gelangen Samen von den Alpen weit nach Norden. So sind hier viele Pflanzen zu finden, die sonst in großen Höhen in den Bergen beheimatet sind, aber am Lech ihre nördlichsten Vorkommen haben.

Auf den Schotterfluren des unteren Lechtals haben sich auf diesen flachgrundigen Böden mit geringer Schwemmsand- und Humusauflage sehr artenreiche Trockenrasen erhalten, die hier ursprünglich weite Flächen bedeckten. Bei Trockenrasen fehlt meistens eine Schatten spendende Strauch- bzw. Baumschicht, somit haben die Pflanzen hier extreme Bedingungen mit großen Temperaturschwankungen, starkem Wind und größerer Sonneneinstrahlung.

Aber auch dagegen können sich Pflanzen schützen, indem sie nur eine kurze Zeit blühen, ihre Nährstoffe in vergleichweise großen Knollen bewahren. Andere wiederum haben starke, tiefe Wurzeln ausgebildet, um die Nährstoffe so sich aus tieferen Lagen zu besorgen.

Durch Rodung und landwirtschaftliche Nutzung wurden zwar die Trockenrasen in landwirtschaftlich intensiv zu bewirtschaftende Flächen umgebaut, aber kleine Flächen haben sich in Lechnähe erhalten, als letzte artenreiche Refugien. Dies sind dann die farbenprächtigen, bunten Mager- und Trockenrasen, die sich nur dadurch erhalten konnten, dass es ungedüngte Flächen sind. Solche Flächen sind dann die sog. Lechheiden, wie die Schotterfluren am Lech genannt werden.

Diese Heiden sind Ersatzgesellschaften der ehemals vorkommenden Gehölzbestände, durch Rodung haben sie sich entwickelt. Die Heideflächen sind auf schwachen Schotterkegeln entstanden, solche sind vorhanden im Bereich von Hurlach, von Augsburg und Thierhaupten. Bekannte kleinflächige Heiden sind: Hurlacher Heide, Königsbrunner Heide, Kissinger Heide, Schießplatz bei Haunstetten und Dürrenartheide.Foto: Wagner

Reste von Heiden haben sich auch entlang von Bahnlinien erhalten, so im „Gleisdreieck" bei Kaufering, bei Klosterlechfeld und bei St. Afra. Zum Begriff „Heide" ist anzumerken, dass der Name in Deutschland für verschiedene Landschaftsformen steht.

In Norddeutschland, z.B. in der „Lüneburger Heide" versteht man darunter baumlose Zwergstrauchheiden, im Osten Europas „lichte Kiefernwälder der sandigen Ebenen" und in Süddeutschland unter dem Namen Heide Kalkmagerrasen oder auch Grasheide.

In allen Fällen handelt es sich um die frühere Alltuende, d.h. das von einer Gemeinde gemeinsam benützte Weideland, das neben freien Flächen auch lichte Wälder umfasste, das vom Vieh durchstreift wurde. In Süddeutschlande auch z.T. die Schreibweise „Haide" benutzt, soll wohl auch als Unterschied zur norddeutschen Zwergstrauchheide verstanden werden; ist wohl auch eine ältere Schreibweise, so spricht der Name „Haidhausen" dafür. Auch Adalbert Stifter verwendet in seiner Novelle „Brigitta" die Schreibweise Haide als Name für die Steppenlandschaftsform in Ungarn.

Wenn also sich am Lech im Unterlauf kleinflächige Halbtrockenrasen und Trockenrasen erhalten haben, so stellen sich innerhalb der Heiden doch Unterschiede heraus. Denn da, wegen ehemaliger Flutrinnen in den an den Kiesbänken entstandenen Heiden das Grundwasser dort fast ansteht, so ergeben sich daraus Übergänge zwischen Halbtrockenrasen hin zu wechselfeuchten Bereichen und es bilden sich dort für diese Bereiche typische Pfeifengraswiesen und sogar Kalkflachmoore aus. So sind z.B. in der Hurlacher Heide Knollendistel-Pfeifengraswiesen vorhanden, die in dieser Ausprägung einmalig in Mitteleuropa sind.

Eine weitere Besonderheit der Heiden ist das große Vorkommen der Sumpfgladiole in der Königsbrunner Heide. Diese ist dort nur so zu erklären, dass durch das früher höher stehende Grundwasser eine enge Verzahnung zwischen Feucht- und Trockenstandorten vorhanden war, übrigens die größte Population dieser Pflanze in Europa.

Die schon erwähnten Kalkflachmoore in diesen Gebieten entstanden auf ehemals vom Fluß angelegten Rinnen, die heute aufgrund der Flußverlaufskorrektur keinen direkten Anschluß zum Hauptgerinne mehr haben. Und so reicht das in den Rinnen anstehende Grundwasser aus, dort kleine Kalkflachmoore zu erhalten. Am besten ist dieses Kalkflachmoor in der Siebenbrunner Quellflur noch zu sehen.

Flußbegleitend sind weiter die erlen- und weidenreichen Auwälder zu nennen. Zunehmender Lichtmangel läßt dabei die Krautschicht verarmen und sie trocknen durch die Regulierungen zunehmen aus. Auch deutet die Zunahme von Rubusarten darauf hin, so nehmen Brombeersträucher zu.
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An den Auwaldbereich schließen sich auf den vom Hochwasser nicht mehr beeinflußten Flächen die Kieferwälder an, gut zu sehen besonders in den Randbereichen der Heiden im Raum Augsburg, wo große Flächen des Schneeheide-Kiefernwaldes sich angliedern.

Nach Osten begrenzt wird das Lechtal durch das Steilufer, die Lechleite, die bis zu 80 m hoch ansteigen kann. Hier sind wechselfeuchte Bodenverhältnisse vorhanden, zu Felsen verbackene Kolosse, die sog. Nagelfluh ist sehr deutlich zu erkennen. Daneben viele Hangquellen mit natürlichen Tuff rinnen. Diese werden durch ein Moos gebildet, das Crotonenvon commtatum-Moos, welches das kalkreiche Wasser bearbeitet, d.h. durch biologische Maßnahmen setzt sich Kalk ab, und die entstandenen Tuff rinnen haben sich also natürlich entwickelt und im Bereich der Lechleite ist so z.T. eine subalpine Quellflur anzutreffen mit sehr sauberem klaren Wasser.

In diesen subalpinen Quellfluren sind große Mengen typischer Bergpflanzen vorhanden, so z.B. große Mengen Türkenbund, stattliches Knabenkraut und Eisenhut, aber auch viel Winterschachtelhalm als Charakterpflanze für sickerfeuchte, wechselfeuchte Waldböden.

Die angeführten Lechfeldheiden, ihre angrenzenden Kontaktgesellschaften wie wechselfeuchte Standorte, Kalkflachmoore, Auwälder, Kieferwälder und die Lechleite sind wegen ihrer Genese, Größe und ihres Artenreichtums biologische Denkmäler von übernationaler Bedeutung.

Leider sind sie so zusammengeschrumpft und fast schon kleinflächig geworden, dass sie fast schon zu kleine Biotope sind, um überleben zu können.
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Da die natürlichen Entstehungsvoraussetzungen geschwunden sind, zudem Schafbeweidung sehr rückläufig ist, erhöhte Luftverschmutzung und Düngung der Randbezirke zudem vorliegt, ist es dringend erforderlich, Hilfsprogramme zu beschließen und zu verwirklichen.

Für die Lechauen und Lechheiden bedeutet dies

1. regelmäßige Pflege aller Standorte zur Verhinderung der weiteren Verbuschung, daher ist jährliche Mahd die Voraussetzung, mit baldigem Abtransport des Mähgutes, um eine Nährstoffanreicherung zu minimieren.

2. Regeneration bereits entwerteter Standorte durch Entbuschung und keine Aufforstungen.

3. Ansätze auszuweiten, um aus Gründen des Trinkwasserschutzes großflächig manche Gebiete von Düngemaßnahmen zu befreien, wie z.B. in Augsburg nahe der Königsbrunner Heide praktiziert. Dabeibesteht die einmalige Chance, die Belange des Arten- und Biotopschutzes mit dem Trinkwasserschutz zu koordinieren.

4. Es sollte der Versuch unternommen werden, um in Sinne des UNESCO-Programmes „Der Mensch und die Biosphäre" auch dieses Gebiet länderübergreifend mit Österreich als Biosphärenreservat auszuweisen. Handlungsbedarf ist da, zumal auch im Tiroler Lechtal akuter Zugzwang besteht, da im einzig noch intak-ten Flußabschnitt durch Bau von weiteren Kraftwerken und Staudammbau, aber auch durch Kiesabbau dieser Abschnitt höchst gefährdet erscheint.

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